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Studie: Wie Corona Familien mit behinderten Kindern zu schaffen macht News

Hauptergebnisse der Online-Umfrage von zwei renommierten Institutionen: Die Familien fühlen sich allein gelassen. Auch die aktuellen Schulöffnungen bringen keine Verbesserung.

Unter welchen Belastungen insbesondere Familien mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen angesichts der anhaltenden COVID-19-Pandemie leiden, wollten das Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und das Inclusion Technology Lab e.V. Berlin wissen. Mit ihrem Anliegen rannten sie offene Türen ein: Bei der Umfrage Mitte Mai, nahmen innerhalb nur einer Woche 1.767 Betroffene aus ganz Deutschland teil. Die Ergebnisse sind nicht alle überraschend, aber dennoch brisant.

Die ausführlichen Studienergebnisse der Online-Umfrage sind schon seit Anfang Juni im Internet einsehbar und können kostenlos heruntergeladen werden. Man muss aber kein Prophet sein, um davon auszugehen, dass eine Verschärfung der Lage jederzeit wieder eintreten kann. Die derzeitigen Hotspots etwa in Gelsenkirchen und Berlin belegen dies.

Mehr institutionelle Unterstützung erforderlich

MOBITIPP hat die Studie deshalb noch einmal ins Rampenlicht gerückt. Denn viel verbessert haben dürfte an der Situation der Betroffenen seit der Umfrage sicher nicht. Mögen die Ergebnisse denjenigen Entscheidern, die sich gern auf fundierte Erkenntnisse stützen wollen, einen Anstoß geben, sich auch den Menschen verstärkt zuzuwenden, die aufgrund ihrer besonderen familiären Situation ohnehin mehrfache Belastungen stemmen müssen und mehr Solidarität verdienen.

Wie das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT Ende Mai mitteilte, würden von den aktuellen Öffnungen von Schulen und Förderschulen nicht alle Kinder und Eltern profitieren. „Es leiden jene, die durch ihre körperliche oder geistige Beeinträchtigung nicht dem Risiko ausgesetzt werden können, an ihre Schulen zurückzukehren.” Für die Eltern bedeutet dies, dass sie weiterhin einer enormen Belastung und ständigen Überforderung ausgesetzt sind.

Verschärft werde die Situation, weil neben der Beschulung meist auch alle Unterstützungsmaßnahmen wie Betreuung, Therapie- und Pflegeangebote wegfallen. „Die betroffenen Eltern müssen neben Haushalt und Beruf all dies ersetzen: ein 24-Stunden-Job seit dem Lockdown. Über 46 Prozent der Befragten fühlen sich daher in der Betreuung ihres Kindes überfordert”, schreiben die Studienautoren.

41 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Kind schlecht mit den Einschränkungen zurechtkomme. Als besonders belastend wird der mangelnde Kontakt zu Gleichaltrigen und vertrauten Bezugspersonen sowie die Kita- und Schulschließung empfunden. 66 Prozent der Eltern sagen, dass ihre Kinder unter den Kita- und Schulschließungen leiden.

Ständige Überforderung der Eltern

„Diese Belastung bekommen auch die Eltern zu spüren. Es verwundert nicht, dass bei 55 Prozent der Teilnehmenden Konflikte innerhalb der Familie zugenommen haben. Eltern fühlen sich allein gelassen in dieser Ausnahmesituation und leiden körperlich wie psychisch unter den fehlenden Perspektiven. Mütter sind von der Mehrfachbelastung besonders betroffen. Aber auch für die Väter sind Homeoffice und die Betreuung ihrer beeinträchtigten Kinder oftmals nur schwer vereinbar”, so Dr. Raimund Schmolze-Krahn, Vorstand des Inclusion Technology Labs Berlin.

Laut Studie empfinden die Betroffenen die institutionelle Unterstützung insgesamt als mangelhaft. Das gilt insbesondere für Schulen und Kindergärten. 40 Prozent wünschten sich mehr Unterstützung durch digitale Lernangebote.

Die Studie ergab, dass die meisten Familien grundsätzlich für digitale Technologie offen sind. Demnach nutzen bereits über 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen interaktive digitale Geräte wie Smartphone oder Tablet, wobei die Nutzung der Geräte in der Corona-Krise zugenommen hat. Genutzt werden die Geräte in der Hauptsache zum Zeitvertreib (66 Prozent), aber auch zum Lernen (47 Prozent). Dennoch gelte es auch hier zu differenzieren: Digitale Lernangebote sind nicht für alle beeinträchtigten Kinder gleichermaßen geeignet.

Die Angst, als Betreuungs- und Pflegeperson auszufallen

Über allem schwebt nach wie vor die Angst vor der Covid 19-Erkrankung. Während ein Teil der Befragten in den Schulöffnungen einen ersten Schritt zur Entlastung ihrer Situation sieht, sorgen sich 46 Prozent um die Gesundheit ihrer beeinträchtigten Kinder. Die Antworten der Teilnehmenden lassen darauf schließen, dass diese Sorge von der Art und der Schwere der Erkrankung abhängt. 41 Prozent der Befragten geben zudem an, dass sie sich Sorgen machen, selbst an Corona zu erkranken und als (einzige) Betreuungs- und Pflegeperson ausfallen zu können.

Immerhin gibt es vereinzelt auch Lichtblicke: So berichten die Autoren von einigen Familien, die die gewonnene Zeit durch den Wegfall von Terminen ihren Kindern gewidmet haben und sie als Gewinn erlebt hätten. Einige Teilnehmer gaben auch an, dass sie durch die vermehrte Zuwendung unerwartete Fortschritte in der Entwicklung ihres beeinträchtigten Kindes beobachten konnten.

Dennoch bleibt die Ausgangssituation für Familien mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen insgesamt prekär. Viele der Befragten weisen darauf hin, dass Betreuung und Pflege durch Dritte mit Kosten verbunden seien, die sie nicht selbst tragen können. Sie fordern deshalb entsprechende finanzielle Unterstützung durch den Staat oder die zuständigen Stellen. Gleichzeitig bedürfe es an Information über und Unterstützung bei der Beantragung von entsprechenden Betreuungs- und Pflegeangeboten.

 

Ausführlichere Studienergebnisse finden Sie zum Herunterladen unter folgendem Link: https://www.fit.fraunhofer.de/content/dam/fit/de/documents/2020-06-03_Corona-Umfrage-Fraunhofer-Tech-Inc-Lab.pdf

(Text: Julia Nadler)

Inklusion und Schule

(c) Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Die aktuellen Schulöffnungen, hier ein Symbolbild aus der Vor-Corona-Zeit an der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Berlin, entlasten viele Familien – aber längst nicht alle. Vor allem Familien, deren Kinder aufgrund ihrer Beeinträchtigung derzeit nicht in die Schule oder in die Kita gehen können, benötigen deshalb in der aktuellen Situation mehr gute digitale Lernangebote.

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