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„Physiotherapeuten und Patienten brauchen mehr Schutz“ News

Interview mit Sigrid Tscharntke, 1. Vorsitzende des Vereins der Bobath InstruktorInnen IBITA Deutschland und Österreich e.V. (VEBID)

Kaum eine Berufsgruppe arbeitet so nah am Menschen wie Physiotherapeuten. In Zeiten von Kontaktverbot und social distancing im Rahmen der Corona-Krise stellen sich deshalb sowohl bei den Patienten als auch bei den Therapeuten viele Fragen. Wir haben mit Sigrid Tscharntke darüber gesprochen, ob man derzeit noch physiotherapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen sollte, wie das konkret aussehen kann und was getan werden sollte, um die Situation zu verbessern.

MOBITIPP: Frau Tscharntke, wie therapieren Sie Patienten mit zwei Metern Abstand?

Sigrid Tscharntke: Das geht natürlich nicht, weshalb es zu Beginn der Pandemie auch eine große Unsicherheit sowohl bei den Therapeuten als auch bei den Patienten gegeben hat. Einige Praxen haben spontan zugemacht, andere haben unbeirrt auf der Suche nach Schutzkleidung ihre Patienten bestmöglich weiter versorgt. Inzwischen gibt es die deutliche Empfehlung der Berufsverbände, die Praxen geöffnet zu lassen, weil Physiotherapie systemrelevant ist.

MOBITIPP: Wie können Sie denn die Sicherheit der Therapeuten und Patienten sicherstellen?

Sigrid Tscharntke: Das ist ein großes Problem. Wir haben zwar die Empfehlung, mit aller Vorsicht und unter Einhaltung der allgemeinen Hygienevorschriften zu therapieren, also am besten mindestens mit Mundschutz und Handschuhen, allerdings müssen wir uns das entsprechende Material selbst besorgen. Das ist zurzeit sehr schwer möglich, sodass viele Therapeuten nicht arbeiten können, um sich selbst und die Patienten nicht zu gefährden.

MOBITIPP: Hat das nicht erhebliche Auswirkungen für die Patienten?

Sigrid Tscharntke: Natürlich! Wer eine ärztliche Verordnung für eine Physiotherapie hat, der hat in der Regel ein gravierendes gesundheitliches Problem, das sich nicht einfach um vier oder acht Wochen nach hinten verschieben lässt. Hinzu kommen die vielen Langzeitpatienten, die nach einer wochenlangen Behandlungspause erhebliche Mobilitätseinschränkungen befürchten müssen. Und nicht zuletzt sind auch die Frischoperierten ein Problem. Es finden ja nach wie vor OPs statt, nach denen die Patienten wieder mobilisiert werden müssen.

MOBITIPP: Welche Rolle spielt es, dass Physiotherapeuten häufig mit besonders von COVID-19 gefährdeten Menschen, also der Risikogruppe zu tun haben?

Sigrid Tscharntke: Das kommt sehr darauf an, wo sich diese Patienten aufhalten. Menschen, die zu Hause betreut werden und dort weitgehend in Isolation leben, sind aus meiner Sicht noch am besten aufgehoben. Hier kann der Physiotherapeut unter Einhaltung aller gebotenen Schutzmaßnahmen, die Ansteckungsgefahr minimieren. Ganz anders sieht es allerdings in vielen Alten- und Pflegeheimen aus. Die sind zwar alle mehr oder weniger isoliert, aber intern ist der Umgang mit der Pandemie sehr unterschiedlich. Während in einigen Heimen die Menschen weitgehend auf ihren Zimmern bleiben müssen und sogar die Mahlzeiten vor die Tür gestellt bekommen, herrscht in anderen Einrichtungen ein munteres Miteinander. Da ist die Abwägung, was man den Menschen eher zumuten möchte, die Vereinsamung oder die Gefahr, dass sich die Erkrankung rasend schnell ausbreitet. Fakt ist, dass auch hier für die Pflege und die Bewohner zu wenig bis kein Schutzmaterial vorhanden ist.

MOBITIPP: Und wie sieht es in den Physiotherapiepraxen aus?

Sigrid Tscharntke: So weit mir bekannt ist, haben die allermeisten Praxen ihre Hygienemaßnahmen verstärkt und legen größten Wert darauf, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und Patienten zu schützen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Termine abgesagt werden, wenn jemand sich nicht wohlfühlt oder Krankheitssymptome zeigt. Viele arbeiten im Zweischichtsystem, und natürlich wird versucht, persönliche Begegnungen innerhalb der Praxis so gut es geht zu vermeiden, zum Beispiel im Wartebereich. Eine Praxis, in der der Therapeut mit Vollschutzanzug, FFP 2-Maske und Handschuhen arbeitet, werden Sie aber nur schwer finden, einfach weil das Material nicht verfügbar ist.

MOBITIPP: In vielen anderen Bereichen wird versucht, die Angebote auf Onlinemedien auszulagern. Lässt sich das bei der Physiotherapie auch umsetzen?

Sigrid Tscharntke: In gewissen Grenzen geht das und wird auch schon gemacht. Dafür muss der Patient aber einerseits kognitiv in der Lage sein, ein solches Angebot wahrzunehmen und umzusetzen, andererseits muss er die Motivation dafür haben. Hinzu kommt, dass viele Therapien nur durch den direkten Körperkontakt erfolgen können. Die lassen sich nicht einfach durch Onlineangebote ersetzen.

MOBITIPP: Könnten denn Angehörige oder Pfleger übergangsweise zu Hilfstherapeuten ausgebildet werden und einige einfache Übungen mit dem Patienten durchführen?

Sigrid Tscharntke: Bei den Angehörigen funktioniert das auch nur in wenigen Fällen. Wenn der Patient in einer Einrichtung untergebracht ist, kommen die Angehörigen derzeit ja auch nicht zu ihm. Und zu Hause sind die Angehörigen oftmals entweder körperlich oder psychisch nicht in der Verfassung hilfsweise physiotherapeutische Übungen regelmäßig und angemessen mit unseren Patienten durchzuführen. Pflegende Angehörige sind in der Regel sowieso schon mit der alltäglichen Situation an der Grenze ihrer Kräfte.

MOBITIPP: Wie sollte man sich denn am besten verhalten, wenn man Physiotherapie benötigt?

Sigrid Tscharntke: Man sollte genau abwägen, welche Vorgehensweise im Einzelfall die beste ist. Die meisten Patienten, die eine Langzeitbetreuung benötigen, werden vermutlich bereits eine Lösung mit ihrem Physiotherapeuten gefunden haben. Wer jetzt neu in die Situation kommt, sollte sich bei verschiedenen Praxen erkundigen, welche Möglichkeiten und Schutzmaßnahmen sie derzeit anbieten können. Vielleicht wäre hier ein vorübergehender Hausbesuch durch die Therapeuten anzudenken.

MOBITIPP: Was wünschen Sie sich für den Fall, dass die Corona-Krise länger andauert?

Sigrid Tscharntke: Viele meiner Kolleginnen und Kollegen machen ihren Job mit viel Hingabe und vollem Einsatz. Im Sinne der Patienten ist es gut, dass wir weiterarbeiten dürfen. Wegen der besonderen Nähe riskieren viele von uns zurzeit aber ihre Gesundheit, einige vielleicht sogar ihr Leben. Ich kann verstehen, dass die wichtigste Schutzausrüstung zurzeit in Krankenhäusern und Arztpraxen gebraucht wird. Aber es sollte auch möglichst bald dafür gesorgt werden, dass wir Physiotherapeuten nicht schutzlos oder mit selbstgenähten Masken zu den Patienten gehen müssen.

MOBITIPP: Frau Tscharntke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Informationen zum Verein der Bobath-Instruktoren IBITA aus Deutschland und Österreich findet ihr hier: https://www.vebid.de

(Text: Volker Neumann)

Sigrid Tscharntke, 1. Vors. des VEBID e.V.

(c) privat

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