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Kostenlose Masken für Tetraplegiker mit Assistenzbedarf News

Interview mit Kevin Schultes, Vorstandsmitglied der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ)

Die COVID19-Pandemie ist für viele Menschen mit Behinderung besonders gefährlich. Sie gehören zur Risikogruppe und müssen sich deshalb vor einer Infektion mit dem neuen Virus schützen. Obwohl die Versorgungssituation bei der persönlichen Schutzausrüstung inzwischen ein wenig entspannt hat, ist es immer noch schwierig, medizinisch hochwertige Mund-Nasen-Masken zu einem erschwinglichen Preis und in ausreichender Menge zu bekommen. Die European Spinal Cord Injury Federation (ESCIF) stellt nun Tetraplegikern mit Assistenzbedarf kostenlos solche Masken zur Verfügung. Wir sprachen mit Kevin Schultes von der FGQ, dem deutschen Vertreter in der ESCIF, über die Bereitschaft von Unternehmen, ein solches Vorhaben zu sponsern, den ideologischen Spagat einer solchen Spende und das Dilemma vieler Betroffener.

MOBITIPP: Kevin, es wird noch immer davon berichtet, dass es in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen an Schutzmasken mangelt. Wie kommt es, dass ihr welche verschenken könnt?

Kevin Schultes: Es ist uns natürlich bewusst, dass unsere Aktion gerade in einem schwierigen Umfeld stattfindet. Da ich beruflich den medizinischen Bereich sehr gut kenne, weiß ich aber auch, dass die Situation sich in vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen entspannt hat, auch wenn sie sicher noch nicht optimal ist. Andererseits wissen wir aber auch, dass viele querschnittgelähmte Menschen sich seit Anfang/Mitte März aus Angst vor einer Ansteckung isolieren. Für sie ist es nach wie vor schwer, sich zu schützen, indem sie ihre Assistenten und Familienangehörigen mit Schutzmasken ausstatten. Diesen Menschen wollen wir mit unserer Aktion helfen, ihr Risiko zu minimieren und etwas Lebensqualität zurückzugewinnen.

MOBITIPP: Da es sich um eine Aktion der ESCIF handelt, brauchen mutmaßlich sehr viele Menschen eure Hilfe. Könnt ihr denen allen helfen?

Kevin Schultes: Nach den Zahlen, die uns vorliegen, gehen wir davon aus, dass mindestens 25.000 Haushalte in ganz Europa zur Zielgruppe gehören, also hohe Tetraplegiker mit Assistenzbedarf. Wir können in mehreren Schritten etwa 1,2 Millionen Masken zur Verfügung stellen. Wir haben deshalb kalkuliert, dass jeder Haushalt zunächst einmal 50 Masken erhält. Bei schonender Verwendung müssten die ausreichen, um erst einmal die nächsten Wochen zu überbrücken. Danach wird sich die Situation hoffentlich weiter entspannt haben.

MOBITIPP: Wie ist es euch gelungen, an so viele Masken zu kommen?

Kevin Schultes: Wie so oft haben uns der Zufall und private Kontakte geholfen, eine Quelle für die Masken zu finden. Dabei handelt es sich um IIR-Masken, also um medizinischen Mund-Nasen-Schutz. Diese Masken sind deutlich hochwertiger als selbstgemachte aus Stoff und dienen vor allem dem Fremdschutz.

MOBITIPP: Es geht also nicht darum, dass die Tetraplegiker sich durch das Tragen der Maske selbst schützen, sondern darum, dass sie geschützt werden, weil ihre Assistenten eine Maske tragen.

Kevin Schultes: Genau! Ähnlich wie im Flugzeug lautet die Devise: „Put on your mask before you help!“ (engl. „Zieh erst deine eigene Maske an, bevor du anderen hilfst“ – die Red.). Die Tetraplegiker werden geschützt, indem vermieden wird, dass Menschen aus Ihrem Umfeld sie mit Viren infizieren.

MOBITIPP: Wie finanziert ihr ein solch großes Projekt?

Kevin Schultes: Das war und ist einerseits eine Herausforderung, andererseits konnten wir auf bestehenden Strukturen aufbauen. Die FGQ baut seit Jahren ein Netzwerk mit Stiftungen und Hilfsmittelherstellern auf, um ihre wichtige Arbeit über Sponsoring und Projektförderungen zu finanzieren. Ein Beispiel ist die Firma Hollister Inc., mit denen wir das gemeinsame Projekt „Wegbegleiter“ auf der Rehacare im vergangenen Jahr vorgestellt haben (Ein Info-Video dazu findet ihr hier: https://youtu.be/JHC6guHFhF0 – die Red.). Hollister, Farco, Coloplast, die Schweizer Paraplegiker Stiftung und die Manfred-Sauer-Stiftung waren sofort bereit, uns zu unterstützen, einige auch mit einer großen Anzahl an Masken. So konnten wir schnell anfangen, ohne wertvolle Zeit zu verlieren. Für die weitere Finanzierung sind wir aber noch dringend auf der Suche nach weiteren Sponsoren.

MOBITIPP: Entstehen bei der Beschaffung und dem Versand nicht auch hohe Transportkosten?

Kevin Schultes: Doch natürlich. Wir haben aber davon profitiert, dass wir auch logistisch umfangreich unterstützt worden sind. Sonst hätten allein die derzeit horrenden Transportkosten für die Masken aus China unsere finanziellen Möglichkeiten gesprengt.

MOBITIPP: Warum können sich nur Tetraplegiker mit Assistenzbedarf Masken bestellen?

Kevin Schultes: Uns ist natürlich bewusst, dass noch viel mehr Menschen mit Behinderung Bedarf an solchen Masken haben. Dass wir sie nur Tetraplegikern anbieten können, hat zwei einfache Gründe: Zum einen haben wir nicht genügend Masken, um die Haushalte von allen Bedürftigen zu versorgen. Wir hoffen aber, dass unser Beispiel Schule macht und viele Nachahmer findet. Dafür sind wir auch gerne bereit, unser Wissen und unsere Kontakte zur Verfügung zu stellen. Zum anderen ist in den Satzungen der Mitglieder des ESCIF festgelegt, dass sie nur querschnittgelähmten Menschen helfen dürfen. Alle anderen Aktivitäten könnten unangenehme rechtliche Konsequenzen haben oder die Gemeinnützigkeit der Verbände gefährden.

MOBITIPP: Und wie kommen die Tetraplegiker an die Masken?

Kevin Schultes: Auf der Internetseite der ESCIF (www.escif.org) sind alle Mitgliedsorganisationen der Länder aufgeführt. Dort gibt es jeweils ein Formular, mit dem man die Masken beantragen kann. In Deutschland ist die FGQ (www.fgq.de) zuständig. Sowohl auf der Facebookseite der ESCIF als auch der FGQ gibt es stets aktuelle Informationen zu dieser Aktion.

MOBITIPP: Vielen Dank, Kevin, für das Gespräch!

 

 

 

 

Die European Spinal Cord Injury Federation (ESCIF)

Im Frühjahr 2006 gründeten 16 nationale Verbände für querschnittgelähmte Menschen im schweizerischen Nottwil die European Spinal Cord Injury Federation (ESCIF). Ihr Ziel ist es, die Arbeit der nationalen Verbände europaweit zu koordinieren und einheitlicher Ansprechpartner für politische Entscheidungsprozesse in Brüssel zu sein. Inzwischen gehören 32 nationale Verbände aus 28 europäischen Ländern der ESCIF an.

(Text: Volker Neumann)

Kevin Schultes von der FGQ

(c) privat

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