MOBITIPP

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Katrin Rohde: Gründerin einer Rollstuhlwerkstatt in Burkina Faso Mutmacher

Ein mobiles Werkstatt-Team fährt zudem übers Land und repariert die Rollstühle vor Ort.

Nach einer schicksalshaften Reise durch Westafrika wanderte Katrin Rohde Mitte der 90er Jahre von Norddeutschland nach Burkina Faso aus. Als sie sah, unter welchen Umständen Menschen mit körperlichen Einschränkungen dort leben, gründete sie in der Hauptstadt Ouagadougou eine Rollstuhlwerkstatt für Dreiradrollstühle. Jetzt ist die gebürtige Hamburgerin wieder für einige Zeit in Deutschland. MOBITIPP fragte nach, was aus dem Projekt geworden ist.

MOBITIPP: Frau Rohde, wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, in Ouagadougou eine Rollstuhlwerkstatt einzurichten?

Katrin Rohde: Vor gut zwanzig Jahren gab es sehr viele behinderte Menschen, die auf ihren Knien und Händen vorwärts rutschten, die sie mit Lappen umwickelt hatten, damit sie sich im Sand nicht die Haut aufscheuern. Ich war fassungslos und aufgewühlt.

Eines Tages traf ich Edouard Norgho, selbst Rollstuhlfahrer und später Paralympics-Meister von Burkina Faso. Anfangs reparierten wir kaputte Rollstühle. Später gründeten wir die Rollstuhlwerkstatt in Ouagadougou und begannen mit dem Bau eigener Dreiradrollstühle, die mit einer Handkurbel angetrieben werden. Inzwischen haben wir fünf Werkstattmitarbeiter, die auch Rollstuhlfahrer sind.

Personalausweis als Voraussetzung für einen Rollstuhl

MOBITIPP: Nach welchen Kriterien haben Sie die Rollstühle vergeben?

Katrin Rohde: Unsere Idee war, dass jeder Bedürftige, der sich um einen eigenen Personalausweis kümmert, solch einen Dreiradrollstuhl bekommen sollte. Die Kosten für zum Beispiel die Fotos übernahmen wir. Das Dokument löste Unglaubliches bei seinen Besitzern aus. Von Menschen zweiter Klasse waren sie zu Bürgern ihres Landes geworden. Das machte sie stolz. Gleichzeitig war es ein wichtiger Schritt zur Selbstbestimmung.

MOBITIPP: Was hat die neu gewonnene Mobilität mit den Menschen gemacht?

Katrin Rohde: Der Rollstuhl ist der Schlüssel ins Leben. Ihre neue Mobilität hat vielen Menschen ermöglicht, eigenes Geld zu verdienen. Mit Flechtarbeiten oder mit einem Marktstand. Gerade Frauen sind da sehr aktiv geworden.

MOBITIPP: Worauf kommt es bei der Konstruktion Ihrer Rollstühle an?

Katrin Rohde: Unsere Dreiradrollstühle sind für unebene, sandige Straßen und lange Strecken geeignet. Selbst in der Hauptstadt gibt es nur wenige asphaltierte Straßen. Jeder Rollstuhl ist eine Maßanfertigung: für ein Kind, ein Schwergewicht, für einen älteren Menschen oder für jemanden, der mit seinen Körpermaßen im Durchschnitt liegt.

Unsere Kinderrollstühle haben ein abnehmbares Vorderrad, damit die Schüler in der Schule unter den Schreibtisch fahren und wie ihre Mitschüler am Tisch sitzen können. Das war uns wichtig.

MOBITIPP: Wie kommen die Bedürftigen an einen Rollstuhl?

© Katrin Rohde / Sahel e.V.

Katrin Rohde: Das läuft über unseren gemeinnützigen Verein AMPO. Die Anfragen werden geprüft, um die Bedürftigkeit zu klären. Einmal im Monat kommen die Empfänger der Rollstühle gemeinsam zur Übergabe in die Werkstatt. Je nach Spendenaufkommen sind das jeweils jährlich zwischen 80 und 100 Menschen, die mit einem neuen Dreiradrollstuhl ausgestattet werden.

MOBITIPP: Wie viel kostet so ein Exemplar?

Katrin Rohde: Die Kosten liegen bei 250 Euro pro Stück. Die Rollstühle werden nicht verliehen, sondern verschenkt. Jeder Spender bekommt nach einigen Wochen ein Foto von uns, das den glücklichen Empfänger in „seinem“ Rollstuhl zeigt.

MOBITIPP: Bekommen Sie auch Rollstuhlspenden aus westlichen Ländern?

Katrin Rohde: Solche Spenden bekommen wir auch. Wir geben sie vor allem an alte Menschen weiter, die ihren Rollstuhl nicht mehr selbst anschieben können. Für den Alltag der meisten Menschen in Burkina Faso eignen sich die westlichen Modelle aber nicht.

Mobiles Team in der ländlichen Region

MOBITIPP: Wie erreichen Sie behinderte Menschen auf dem Land?

Katrin Rohde: Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Deshalb haben wir mit „Handicap Mobile“ mobile Werkstattteams gebildet: Ein Pick-up-Fahrer und ein Mechaniker besuchen etwa dreimal im Monat Orte im Umkreis von 200 Kilometern von Ouagadougou. Sie bringen Ersatzteile mit, führen Reparaturen durch und versorgen vor allem körperbehinderte Kinder mit Rollstühlen, um ihnen dadurch einen Schulbesuch zu ermöglichen.

Dabei hilft uns, dass durch die Berichte über unsere Werkstatt in der Region viel in Bewegung gekommen ist. Es haben sich zum Beispiel Behindertenvereine und -gruppen gegründet, die jetzt unsere Ansprechpartner sind und zum Beispiel Sammelbestellungen für Ersatzteile aufgeben.

MOBITIPP: Sie leben seit Jahren abwechselnd drei Monate in Burkina Faso und drei Monate in Deutschland. Was zieht Sie immer wieder in die alte Heimat?

Katrin Rohde: Ich habe in Norddeutschland noch viele familiäre und freundschaftliche Kontakte. Außerdem habe ich dort engagierte Unterstützung von den Vereinen Sahel e.V. und „Freunde für AMPO“, die eigens zur nachhaltigen Finanzierung meiner Einrichtungen und Projekte von AMPO in Ouagadougou gegründet wurden.

MOBITIPP: Wie geht weiter mit den Rollstuhlprojekten?

Katrin Rohde: Die Finanzierung sicherzustellen ist natürlich eine Daueraufgabe. Zurzeit ist unser Pick-up schon mehr als hinfällig. Eine Neuanschaffung kostet rund 20.000 Euro. Ein richtiger Brocken. Aber ohne Pick-up könnten wir die Menschen auf dem Land nicht mehr versorgen.

Ich habe inzwischen alle meine AMPO-Projekte in die Hände vertrauenswürdiger afrikanischer Mitarbeiter gelegt. Alles, was ich tun kann, um weiterhin zu helfen, werde ich tun.

 

Hier erfahrt Ihr mehr über die Projekte von Katrin Rohde in Burkina Faso: https://www.sahel.de

Informationen speziell zur Rollstuhlwerkstatt gibt es hier: https://www.sahel.de/ampo/einrichtungen/behindertenprojekte

Das ist der Link zur Facebook-Seite von A.M.P.O: https://www.facebook.com/ampo.ouagadougou/

(Text: Brigitte Muschiol)

Katrin Rohde hilft behinderten Menschen in Burkina Faso

© Katrin Rohde / Sahel e.V.
Katrin Rohde mit Edouard Norgho, Leiter der Rollstuhlwerkstatt. Die ehemalige Buchhändlerin hat unter dem Projektnamen A.M.P.O. 1995 zunächst ein Waisenhaus für Straßenjungen in Ouagadougou gegründet. Inzwischen hat sie zahlreiche soziale Einrichtungen und Projekte auf den Weg gebracht. Dazu gehören neben der Rollstuhlwerkstatt zum Beispiel das Haus MIA-ALMA für schwangere junge Frauen, die HIV-positiv sind, das Haus LINDA für unterernährte Babys und ihre Mütter sowie eine öffentliche Krankenstation und eigene Ausbildungswerkstätten.