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„Jetzt geht es vor allem um die Grundversorgung” News

Dominik Meis, Inhaber eines Sanitätshauses in Ochtrup (NRW), gibt einen Einblick in die Arbeit seines Teams während der Coronakrise (Stand: 02.04.2020)

Die Sanitätsfachgeschäfte gehören zu den wenigen Einrichtungen, die in Deutschland noch geöffnet haben. Was bedeutet es für die Betriebsinhaber und ihre Mitarbeiter, die Grundversorgung ihrer Kunden in solch einer Ausnahmesituation sicherzustellen? Dominik Meis, Chef des Sanitätshauses M+L GmbH im nordrheinwestfälischen Ochtrup mit 20 Mitarbeitern, gibt im MOBITIPP-Gespräch einen Einblick.

MOBITIPP: Herr Meis, wie ist die betriebliche Lage bei M+L im Augenblick?

Dominik Meis: Im Moment läuft im Wesentlichen alles im vertrauten Rahmen ab. Wir haben uns organisatorisch und mental auf die neue Situation eingestellt. Ein paar Wochen zuvor konnte ich fünf Nächte hintereinander nicht schlafen, weil ich nicht wusste, inwieweit wir und damit auch unsere Kunden, von den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus betroffen sein würden. Jetzt ist aber klar gesagt, dass Sanitätshäuser systemrelevant sind.

Den Begriff ,systemrelevant’ finde ich zwar ein bisschen unglücklich, weil auch Gastronomen und Einzelhändler systemrelevant sind. Aber tatsächlich haben wir den Auftrag, uns um die Grundversorgung von Menschen mit notwendigen Hilfsmitteln zu kümmern. Da geht es nicht selten um Leben und Tod. In jedem Fall aber um Gesundheit und Lebensqualität.

MOBITIPP: Wie groß war die betriebliche Umstellung auf die neuen Hygienemaßnahmen, Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln?

Dominik Meis: Im Kern war die Anpassung an die aktuellen Anforderungen gar nicht so groß. Für unsere Arbeit gelten schon immer hohe Hygienestandards. Das gründliche Händewaschen, Handdesinfektion, das Arbeiten mit Handschuhen und selbst das Tragen von Mundschutz in besonderen Fällen gehören ganz selbstverständlich zu unserem beruflichen Alltag. Jetzt erleben wir eine Ausnahmesituation und noch mehr Reglementierungen, aber es gibt keine substanziellen Veränderungen in der Tätigkeit.

Bei der Entwicklung der Schutzmaßnahmen, Verhaltensregeln und Abläufe habe ich mich von einer externen Hygieneexpertin beraten lassen. Sie berät auch Krankenhäuser und kennt unseren Betrieb aus früherer Zusammenarbeit. Das war sehr hilfreich.

MOBITIPP: Welche Vorsorgemaßnahmen haben Sie getroffen?

Dominik Meis: Das Wichtigste war, uns so aufzustellen, dass nicht das ganze Team in Quarantäne gehen muss, falls ein Mitarbeiter positiv getestet werden sollte. Ohne das Schichtsystem müssten wir in solch einem Fall den Betrieb 14 Tage schließen. Deshalb arbeiten wir jetzt in wöchentlich wechselnden Schichten. Wie wir das am besten machen, mussten wir auch erst lernen. Aber inzwischen haben sich die Abläufe eingespielt.

Wir haben zudem die Büros räumlich auseinandergelegt. Zu Besprechungen treffen wir uns nicht mehr im Meetingraum, sondern im Lager. Dort können wir ausreichend Abstand halten. Überhaupt haben wir jeglichen Umgang den Regeln des Social Distancing angepasst.

Als sich die Problematik verschärfte, habe ich jeden Morgen eine kleine „Corona-Ansprache” gehalten, um meine Mitarbeiter über die aktuelle Entwicklung zu informieren. Wie müssen wir agieren? Wir dürfen wir agieren? Ich habe praktisch alle seriösen Quellen im Auge behalten, um rechtzeitig einschätzen zu können, was auf uns zukommt.

MOBITIPP: Wie wichtig war es, sich mental auf die neuen Verhaltensregeln und Schutzmaßnahmen einzustellen?

Dominik Meis: Die Besinnung auf unsere Kernaufgabe als Leistungserbringer in der Hilfsmittelversorgung war mir sehr wichtig. Diese Versorgung ist in der aktuellen Situation auch dringend erforderlich. Die Menschen leben jetzt besonders eng im häuslichen Umfeld zusammen. In manchen Familien kommt die Haushaltshilfe nicht mehr. Da steckt so viel dahinter. Dass wir den Betroffenen und ihren Angehörigen jetzt durch unsere Versorgung Erleichterungen bei der Pflege und im Zusammenleben verschaffen können, gibt unserer Arbeit einen besonderen Sinn.

Wir merken auch, dass Krankenhäuser ihre Patienten vor dem Hintergrund der Corona-Ausbreitung zunehmend zur Weiterversorgung nach Hause schicken. Dort fehlen aber oft geeignete Hilfsmittel. Häufig gibt es so schnell auch keine nahtlose Pflege durch Fachkräfte. Ein Patientenlifter, ein elektrisches Zuggerät, das seinen Nutzer mobil hält oder ein Matratzensystem, das Schmerzen beim Liegen mindert, hilft in solchen Situationen nicht nur den Betroffenen, sondern oftmals auch den überforderten Angehörigen.

Man muss auch sehen, dass die Hilfsmittelversorgung durch die Sanitätshäuser zum Beispiel den Rettungsdienst entlastet. Wenn ein Mensch stürzt, weil er keine Toilettensitzerhöhung mit Haltegriffen bekommen hat, und sich dabei einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, wird ein Rettungswagen gerufen. Diese ohnehin knappen Ressourcen können mit einer guten und rechtzeitigen Versorgung eingespart werden.

MOBITIPP: Gibt es denn noch genug Kundenanfragen oder ziehen sich die meisten ohnehin zurück?

Dominik Meis: Die Menschen wollen versorgt werden. Wir haben von Kundenseite keinerlei Absagen. Etwas nachgelassen hat die Laufkundschaft. Das spüren wir zum Beispiel im Bandagen-/Orthesenbereich. Die Menschen machen wegen der Schließung der Sportstätten weniger Sport. Deshalb gehen auch die Verletzungen zurück. Die anderen Kunden kommen nach wie vor. Sie benötigen ihre Hygieneartikel, ob es Handschuhe oder Desinfektionsmittel sind. Also die normalen 40-Euro-Pakete.

Saisonbedingt gibt es jetzt verstärke Nachfrage nach Elektromobilität. Den Leuten fällt die Decke auf den Kopf, weil sie viel alleine sind. Jetzt sehnen sie sich nach Ausfahrten im Freien. Wie sonst auch, sind wir im ständigen Austausch mit den Krankenhäusern, Pflegediensten und Seniorenheimen. Seniorenheime sind zwar jetzt bei uns sehr isoliert, aber auch da ist Dekubitusvorsorge nach wie vor ein Thema.

MOBITIPP: Machen Sie noch Beratungen vor Ort?

Dominik Meis: Vorrangig konzentrieren wir uns auf die Grundversorgung. Aber hier gibt es auch viele Facetten. Was nach Luxus klingen mag, ist für manche Menschen Voraussetzung zum Leben. Viele Versorgungsaufgaben könnten wir ohne persönlichen Kontakt gar nicht wahrnehmen. Zum Beispiel, wenn es um individuelle Lagerung von Patienten geht. Doch dabei überdenken wir unsere Abläufe und unser Verhalten immer wieder neu. Wir sind Versorger mit Leib und Seele. Früher haben wir gern die Hände unserer Kunden gehalten, um Ängste zu nehmen. Deshalb müssen wir alle Abläufe ständig neu überprüfen. Sonst fällt man schnell in alte Verhaltensmuster zurück.

Es ist ganz klar: Die Menschen wollen, dass wir sie versorgen. Ich habe zum Beispiel noch einen hochwertigen Elektrorollstuhl für eine ALS-Patientin bekommen. Auf die Frage, ob es ok ist, wenn wir ihn ausliefern, sagte sie: Das sind meine Beine. Ich brauche sie, um mich wieder selbstständig bewegen zu können.

 

Kontakt zum Sanitätshaus M+L: www.mobil-ml.de

(Text: Julia Wagner)

Dominik Meis, Sanitätshaus M+L

© Sanitätshaus M+L GmbH

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