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Gerd Schönfelder: Die Chancen ergriffen, die sich zeigten Mutmacher

Ski-Ass, Trainer, TV-Experte, Firmenrepräsentant - der Oberpfälzer aus Kulmain füllt viele Rollen aus

Gerd Schönfelder haben wir kürzlich auf der Veranstaltung eines großen Autoherstellers persönlich kennengelernt. „Ich habe ein richtig tolles Leben“, sagte er da. Er strahlte so viel innere Ruhe und Lebensfreude aus, dass wir ihn nach seinen Kraftquellen befragten. Schließlich verlor er mit 19 Jahren beim Versuch, auf einen anfahrenden Zug zu springen, den rechten Arm und alle Langfinger der linken Hand.

MOBITIPP: Herr Schönfelder, 1989 waren Sie 19 Jahre alt, frischgebackener Elektroniker und in ihrer Freizeit ein begeisterter Skifahrer mit beachtlichen Erfolgen. Was hat der Unfall damals für Sie bedeutet?

GERD SCHÖNFELDER: Das war mein persönlicher 11. September, denn der Unfall 1989 ist genau an diesem Tag passiert. Da war ich erst einmal am Boden zerstört. Ich verlor den rechten Arm. Von zehn Fingern hatte ich nur noch den linken Daumen. Alle grundlegenden Dinge für ein selbstständiges Leben schienen verloren. Das war eine extrem harte Zeit, in der ich vor allem für meine Eltern, Geschwister und Freunde gekämpft und gelebt habe.

Aber keine Sorge: Schon seit sehr vielen Jahren stoßen wir am 11. September auf meinen zweiten „Geburtstag“ an. Der Blick zurück ist längst positiv. Ich bin rundum glücklich und würde gar nichts anders haben wollen.

Ein Loch im Gips für den Löffel gebohrt

MOBITIPP: Was hat Ihnen aus dem Tief geholfen?

GERD SCHÖNFELDER: Ich habe nie die Hoffnung aufgegeben. Dabei hat mir auch mein Glaube geholfen. Ich glaube zudem an größere Zusammenhänge im Leben. Außerdem bin ich ein von Grund auf sehr positiver Mensch und so hatte ich auch große Hoffnungen in die Prothetik gesetzt.

Los ging es aber erst einmal mit ganz kleinen Schritten: zum Beispiel mit einem Loch im Gips, um mit Besteck alleine essen zu können. Ich spürte, dass ich mit Kreativität wieder viele Dinge machen konnte, die erst als unmöglich erschienen. Ich hatte vor allem noch meine Beine für den Sport, der für mich so unverzichtbar ist. Fußball und Skifahren würden gehen. Beide Sportarten sind für Inklusion gut geeignet.

MOBITIPP: Skifahren ging dann ja super!

GERD SCHÖNFELDER: Durch Zufall erfuhr ich von der Behinderten-Ski-Nationalmannschaft: Meine Oma hat mir nach der Reha eine Zeitung hingelegt, in der auch ein Artikel über die Behinderten-Ski-Weltmeisterschaft in den USA stand.

Aber was heißt „Zufall“? Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, sieht zwar auf den ersten Blick vieles nach dem berühmten Zufall aus. Tatsächlich denke ich aber, dass jemand Höheres bestimmt, wie und wann etwas in ein Leben kommen soll.

Wenn sich Chancen gezeigt haben, habe ich jedenfalls zugegriffen. So habe ich mich weiterentwickeln können, wieder ein starkes Selbstwertgefühl aufgebaut und Freude am Leben gewonnen.

MOBITIPP: Wie waren die ersten Erfahrungen beim Para-Skifahren? Immerhin waren Sie ja schon mit drei Jahren auf den Brettern und jetzt standen Sie vor der Frage: Wie geht das ohne Stöcke und mit dem Gleichgewicht?

Beim Sport schon immer lieber Sieger!

GERD SCHÖNFELDER: Das war der Hammer zu sehen, was sich die Para-Skifahrer zutrauten und wie freundschaftlich und mit wahnsinnig viel Spaß sie miteinander umgingen. Ich lernte damals ganz schnell: Schlimmer geht immer. Und beim gemeinsamen Training ist die Behinderung nebensächlich. Das tut einfach gut.

Außerdem war ich beim Sport schon von Kindesbeinen an sehr ehrgeizig. Wenn ich antrete, will ich nicht Zweiter werden. Ich liebe es auch, meine körperlichen Grenzen auszutesten und habe trainiert wie wahnsinnig. Mit dem Training kamen dann auch die Erfolge.

MOBITIPP: Bis Sie sich zwischen Beruf und Sport entscheiden mussten.

© Gerd Schönfelder

GERD SCHÖNFELDER: Ich habe nach der Reha eine Umschulung zum Elektrotechniker gemacht und bis 2002 in dem Beruf gearbeitet. Aber der Sport erforderte in jeder Hinsicht immer mehr Professionalität. Vor den Paralympics in Salt Lake 2002 war klar, dass ich mich auf den Sport konzentrieren musste, wenn ich längerfristig Erfolg haben will. Beruf und Sport gingen nicht mehr zusammen. Da habe ich mich dann für das Skifahren entschieden.

Ich war 30 Jahre und wollte noch mal richtig Gas geben. Die beruflichen Umstände waren auch günstig. Die Firma, in der ich arbeitete, sollte verkauft werden. Wie es für mich weitergehen sollte, war unklar. So passte das wieder einmal.

MOBITIPP: Haben Sie bei den rasanten Abfahrten als Skirennläufer keine Angst um den zweiten Arm gehabt?

GERD SCHÖNFELDER: Meine Risikobereitschaft ist, wie bei vielen Spitzensportlern, grundsätzlich schon hoch. Aber damals war alles wunderbar: in der Natur zu sein, seine sportliche Leidenschaft auszuleben, in fremde Länder zu reisen und mit Sportsfreunden Spaß zu haben. Im Nachhinein sehe ich, dass ich oft viel Glück gehabt habe, vor allem vor dem Unfall. Ich habe meine Lehren daraus gezogen und mache heute vieles bewusster.

„Ich brauche nicht immer einen Plan“

MOBITIPP: Haben Sie Ihre Freiberuflichkeit mal bereut?

GERD SCHÖNFELDER: Nein, auch wenn es nicht immer einfach ist. Man muss viel Zeit investieren, ideenreich sein und erlebt immer wieder, dass sich die Projekte trotzdem nicht realisieren lassen. Damit umzugehen, muss man lernen. Aber ich bin ohnehin kein Mensch, der immer einen Plan braucht. So wie es jetzt ist, ist mein Leben vielseitig und inspirierend.

Ich trainiere das Nationalteam und bin ARD-Experte für den paralympischen Sport. Außerdem repräsentiere ich für Audi den Bereich Fahrhilfen, halte Motivationsvorträge und trainiere im Robinson Club die Gäste in Skirennkursen. Außerdem verbringe ich gern meine Zeit mit meiner Familie und den Kindern. Ein volles Programm also. Und wer weiß, wie mein Leben ohne den Unfall verlaufen wäre.

MOBITIPP: Verraten Sie uns Ihre Zukunftspläne?

GERD SCHÖNFELDER: Ich habe vor, mich in der Rekrutierung von Nachwuchssportlern für den paralympischen Sport zu engagieren. Es ist schwer geworden, Kinder und Jugendliche für den Leistungssport zu begeistern und sie bei der Stange zu halten.

Wir Athleten sehen aber an uns selbst, wie uns der Sport hilft, fit und damit mobil zu bleiben. Das lohnt sich, weil man damit die Behinderung enorm kompensieren kann. Gerade, wenn man zum Beispiel im Rollstuhl sitzt, ist eine trainierte Oberkörpermuskulatur entscheidend. Wer trainiert, kann mit dem Rolli schnell in ein Auto rein und wieder raus. Das ist doch enorm wichtig für die Lebensqualität und man kann zum Beispiel schnell mal in ein Geschäft gehen. Das macht mehr Spaß als nur vom Sofa aus im Internet zu bestellen!

 

Mehr Informationen über Gerd Schönfelder findet Ihr auf seiner Webseite unter www.gerd-schoenfelder.de sowie auf seiner Facebookseite: www.facebook.com/gerd.schoenfelder

(Text: Brigitte Muschiol)

Mutmacher Gerd Schönfelder

© Gerd Schönfelder
Mit 16 Goldmedaillen und insgesamt 22 Medaillen als Skirennfahrer zwischen 1992 und 2010 ist Gerd Schönfelder der erfolgreichste Athlet der Winter-Paralympics-Geschichte. Für diese Spitzenleistung ist er in diesem Jahr in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ gewählt worden ― als erster Sportler im Behindertensport überhaupt. Gerd Schönfelder ist Vater von zwei Kindern. Seine Biografie „Sieger“, die der Sportjournalist Detlef Vetten verfasst hat, gibt weitere Einblicke in sein Leben.

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