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„Geh‘ zur Firma Sopur!“ Erstversorgung Rollstuhl, News

Eine ganz persönliche Gratulation zum 40. Geburtstag

Sopur feiert in diesem Jahr 40-jähriges Jubiläum. Nun ist das mit Firmenjubiläen ja immer so eine Sache. Oftmals sind sie mehr oder weniger belanglos und interessieren eigentlich nur die unmittelbar Beteiligten. Im Falle von Sopur sieht das unser Hilfsmittelexperte Jens Krümmel allerdings ganz anders. Für ihn hat das Unternehmen aus Malsch bei Heidelberg nicht nur eine wichtige Bedeutung für seine eigene Entwicklung gehabt, sondern steht stellvertretend für ein neues Selbstbewusstsein und eine völlig neue Generation von Rollstuhlfahrern in Deutschland.

Als ich Anfang der 80er Jahre nicht mehr darum herumkam, einen Rollstuhl nutzen zu müssen, war das nicht nur eine wesentliche körperliche Einschränkung für mich. Immerhin begann ich gerade mit der Pubertät, da war das recht uncool, selbst für einen Schüler einer Körperbehinderten-Schule. Der Rollstuhl war auch eine gesellschaftliche Behinderung. Als Rollstuhlfahrer war ich schlagartig ein Außenseiter und wurde nicht selten von vielen Mitmenschen auch genauso behandelt. Und das war damals echt noch ganz anders als heute. Entweder man wurde wie eine Zirkusattraktion unverhohlen begafft oder es wurde klebrig süßes Mitleid über einen ergossen.

Rollstühle waren damals allenfalls lieblos zusammengeschweißte Hilfsmittel, darauf ausgelegt, dem Nutzer ein Minimum an Mobilität (bei maximaler Anstrengung) zu ermöglichen. Viele dieser Stahlmonster waren weit davon entfernt, Rollstuhlfahrern eine weitgehende Integration in die Gesellschaft oder gar eine Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Für mich als Kind war das eine grauenhafte Erfahrung und eine ernüchternde Perspektive, der Optimismus der Jugend war abgewürgt. Seinen Platz im Leben zu finden, in das Erwachsenwerden zu starten, das konnte man mit diesen AOK-Choppern echt vergessen.

Wegbereiter eines neuen Selbstbewusstseins

Als ich dann zum ersten Mal die Rollstühle der Firma Sopur bei meinen Mitschülern sah, war das mehr als die Nachricht über irgendeine Produktinnovation. Sie waren für mich ein Erweckungserlebnis, eine Befreiung, eine Erleuchtung. Sie übertrafen an Fahrverhalten, Tempo und Agilität selbst die „Sport-Rollstühle“ unserer Schule, und sie waren cool, und instinktiv merkten wir alle: Damit beginnt eine neue Zeit. Selbst wenn ich nicht wirklich zu den Kunden der allerersten Stunde gehörte. Mein erster Sopur war schon ein Easy. Dem gingen das Modell „Ideal“ (noch aus Vierkant-Stahlrohren geschweißt, weil die leichter zu bearbeiten waren) und die Evolutionsstufe „Ideal 2“ (der dann aus Aluminium-Vierkant-Rohr bestand) voraus.

Der Sopur Easy, mit seiner klassischen Kreuzstrebe, die allerdings erstmalig nicht durch wacklige Teleskopstangen geführt wurde, sondern per Federn im Rahmen einrastete, ist auch heute kaum von modernen Aktivstühlen zu unterscheiden, und brachte mit dem einrastenden Faltmechanismus erstmals einen Faltstuhl an die Stabilität und das Fahrverhalten eines starren Sportrollstuhles. Er eröffnete mir nicht nur persönlich neue Möglichkeiten, er teilte sogar die Gruppe der Rollifahrer in zwei Gruppen: herkömmliche Chrom-Stahl-Stuhl-Nutzer und aktive Rollifahrer, die ihr Leben in die Hand nahmen, die den Aufbruch wagten. Es begann ein neues Zeitalter. Wer Sopur fuhr, hatte keine Lust mehr im tristen Grau am Rande der Gesellschaft zu stehen, der hatte wie ich den Wunsch, kunterbunt mitten durchs Leben zu rollen, stolz und selbstbestimmt, und bereit, sich seinen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Nun hatten wir das Rüstzeug dafür.

Als Hilfsmittel noch Teil der Behinderung waren

Es ging aber bei weitem nicht nur um die Optik, die natürlich auch extrem wichtig war und ist, ist der Rollstuhl doch auch ein Ausdruck seines Nutzers. Die damals gängigen Chrom-Blau-Rollstühle ließen sich selbst vom sportlichsten Nutzer nicht ankippen, zum Beispiel um einen Bordstein selbstständig zu überwinden. Die waren so groß, zum Beispiel weil die Räder nicht abnehmbar waren, dass sie in die meisten Autos selbst gefaltet nicht rein passten. Damit war eine nur leidlich integrierte Teilnahme am Alltag oder auch nur dem Familienleben kaum möglich.

Häufig wird darüber in Fachkreisen gestritten, ob die Krüppelbewegung oder vielleicht doch Gusti Steiner und Ernst Klee uns Behinderten in die Gesellschaft geholfen haben, oder ob die Eingleiderungshilfe des Sozialamtes, das Führerschein und Auto fürs Studium bezahlt hat, es möglich machten, dass es heute keine große Außergewöhnlichkleit mehr ist, wenn ein Rollifahrer Bankangestellter ist oder ein Lehrer im Rollstuhl auch auf einer Normalo-Schule nicht mehr das Wunderding ist. Ich behaupte, nicht alleine die Politik oder politische Aktivisten haben uns in die Gesellschaft integriert, ein sehr wichtiger Faktor dafür war Sopur. Denn mit den leichten, aktiven, individuell anpassbaren Rollis war es plötzlich möglich zu studieren, selbstständig Auto zu fahren, alleine durch die Stadt zu bummeln und sich mit Freunden in der Kneipe zu treffen. Erst die Erfindung des Aktivrollis hat es möglich gemacht, wirklich am Leben teilzunehmen. Sopur hat es möglich gemacht, den Startschuss gegeben dazu, dass zum Beispiel heute der Moderator einer englischen Sendung über Flugzeuge ein Rollifahrer ist und dies nicht Thema ist, sondern einfach eine Tatsache, die nur nebenbei mal angesprochen wird. Dass es normal ist, anders zu sein (Rollifahrer), wäre ohne Sopur nicht möglich gewesen.

Und plötzlich wurde es normal

Es wäre zu viel der Ehre, zu behaupten, dass Sopur das Rad (oder auch nur den Aktiv-Rolli) damals komplett neu erfunden hätte. Die meisten Elemente, die den Ideal und später den Easy auszeichneten, hat es vorher bei anderen Rollstühlen schon gegeben, wie zum Beispiel die Steckachsen oder die Verwendung von Aluminium oder die anpassbare Radposition. Mindestens bei Sportrollstühlen (oder was man damals dafür hielt) waren sie teilweise zu finden. Aber bei Sopur hat man diese Komponenten optimiert und in einem innovativen Konzept neu kombiniert. Die Macher von Sopur haben ein stimmiges Paket geschnürt, als selbst Betroffene gewusst, worauf es ankommt und zusammen mit einem passenden Marketing einfach auch den richtigen Zeitpunkt erwischt. Schon allein damit hat man uns Rollstuhlfahrern eine neue Wertschätzung entgegengebracht. Und mit den unendlich vielen Entscheidungsmöglichkeiten, die wir plötzlich bei der Ausstattung, der Farbe und dem Zubehör hatten, um unseren Rollstuhl technisch und optisch individuell anpassen zu können, hat Sopur uns ein neues Fahrgefühl und Selbstbewusstsein ermöglicht.

Wenn es einer kann, dann Sopur

Wie sehr der Name Sopur damals für Coolness, Selbstbestimmung und technische Innovation stand, kann man an einer Szene aus dem Film „Der Joker“ aus dem Jahr 1987 sehen. Darin spielt Peter Maffay den Kommissar Jan Bogdan, der sich durch einen Bombenanschlag eine Querschnittlähmung zuzieht. Doch noch im Krankenbett weiß der coole Kommissar Rat: „Geh‘ zur Firma Sopur!“, sagt er zu seinem Freund, „Ich brauch‘ neue Beine“. Heute mutet das nach Schleichwerbung an, und es hat sicher seine guten Gründe, dass der Film weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Aber Bogdans Ansage in dieser Szene entsprach damals durchaus dem Zeitgeist der Behindertenszene. Wenn es einer kann, dann Sopur. Und dieser Satz aus dem ansonsten extrem bescheidenen Filmchen war für uns in der Sonderschule meiner Jugend ein Glaubensbekenntnis, wir hatten es geschafft. Es war unser „I have a dream“. Das mag heute seltsam überhöht klingen, damals war es aber so. Für meine Generation von Rollifahrern ist Sopur irgendwie unser Martin Luther King, Danke dafür!

Mein erster Sopur Easy war rot. Nein, er war es nicht, er ist es noch. Denn auch wenn ich ihn selbst nicht mehr nutze, mag ich mich doch nicht von ihm trennen. Ab und an leistet er sogar noch gute Dienste, wenn ich davon höre, dass auf die Schnelle irgendwo ein Rollstuhl gebraucht wird. Bedenkt man, dass ich meinen ersten Sopur Easy aus dem Wiedereinsatz bekommen habe, muss es sich dabei um ein sehr frühes Modell handeln, wohl eines der ersten Rundrohr-Modelle von Sopur, nach Ideal 1 und 2. Dieser Rollstuhl hat mich in doppelter Hinsicht bewegt, und so hat es mir etwas bedeutet, als ich gelesen habe, dass Sopur 40 Jahre alt geworden ist. Happy Birthday!

 

 

 

Hintergrundinfos:

Sunrise Medical GmbH mit Sitz in Malsch, Baden-Württemberg, entwickelt, produziert und vertreibt Rollstühle. Das 1978 unter der Firma Sopur GmbH gegründete Unternehmen wurde im Jahr 1992 in den US-amerikanischen Medizinproduktekonzern Sunrise Medical Inc. eingegliedert. Im Juni 2015 erwarb Nordic Capital den Sunrise Medical Konzern von Equistone Partners Europe.[2] Die Konzernzentrale liegt im badischen Malsch bei Heidelberg. Als Vorreiter für die Serienfertigung von Rennrollstühlen in Europa kommt dem Unternehmen heute noch Bedeutung im Behindertensport zu, inzwischen jedoch vornehmlich im Handbikesport. “

Quelle: Wikipedia

(Text: Jens Krümmel)

Szene aus dem Film "Der Joker"

Quelle: YouTube
Auch frisch verletzt weiß der coole Kommissar Jan Bogdan sofort wo's langgeht: "Geh' zur Firma Sopur!"

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