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Dunja Fuhrmann: „Beim Klettern fühle ich mich frei“ Mutmacher

Die Saarländerin hat für sich ein Gurtsystem für den Klettersport entwickelt, das ihr weitgehende Unabhängigkeit in der Wand und am Felsen verleiht.

Dunja Fuhrmann erkrankte 1995 mit 16 Jahren nach einem Zeckenbiss an Borreliose, die zu einer Lähmung vom 12. Brustwirbel abwärts führte. Seit dem Jahr 2000 sitzt sie dauerhaft im Rollstuhl. Mit ihrer Einstellung „Wenn man etwas machen möchte, sollte man es einfach tun”, hat sich die 40-Jährige ein höchst aktives „zweites Leben” erobert. Neben ihrem Vollzeitjob als Sozialarbeiterin im Gesundheitsamt Saarbrücken pflegt sie zwei große Leidenschaften: ihren Einsatz für Inklusion und ihren Sport, vor allem das Klettern.

MOBITIPP: Sie sind Vorstandsmitglied des Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. und leiten dort das Fachteam Barrierefreies Bauen. Sie haben den BSK-Landesverband Saarland mitbegründet und führen ihn als stellvertretende Vorsitzende. Außerdem sind Sie Gesamtbehindertenbeauftragte der Stadt Saarbrücken und aktives Mitglied in der RSG Saar, um nur einige Engagements zu nennen. Was motiviert sie denn, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen?

Dunja Fuhrmann: Meine Berufswahl und meine ehrenamtlichen Tätigkeiten gehen ganz klar auf meine Erfahrungen mit meiner Behinderung zurück. Wobei natürlich das Interesse an Menschen und die Empathie für Menschen schon immer da waren.

MOBITIPP: Was waren das für prägende Erfahrungen?

Dunja Fuhrmann: Nach dem Zeckenbiss 1995 stellten sich Lähmungen ein. Später hatte ich Schübe. Erst 2002, da saß ich schon zwei Jahre im Rollstuhl, bekam ich die Diagnose für meine Symptome: HSP, eine degenerative Rückenmarkserkrankung. Das bedeutet – ähnlich wie bei einem Querschnittgelähmten – dass meine Beine spastisch gelähmt sind.

Die ganzen Erfahrungen rund um die Behinderung – von den Klinikaufenthalten, über die Begegnungen mit anderen behinderten Menschen über die persönlichen Kämpfe mit Schulvertretern, Behörden, Kostenträgern für Hilfsmittel, Autoumbau und den bald täglichen Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen – haben mich in meiner Entschlossenheit bestärkt, über meine eigenen Belange hinaus etwas für andere Menschen zu tun.

MOBITIPP: Was gibt Ihnen Ihr Ehrenamt zurück?

Dunja Fuhrmann: Es gibt mir Selbstbewusstsein, wenn die Öffentlichkeit unsere Rechte und Forderungen, wenn es zum Beispiel um Barrierefreiheit geht, wahrnimmt und uns unterstützt.

MOBITIPP: Wie organisieren Sie denn Ihr Leben, dass Sie Beruf, Privates und Ihr Engagement unter einen Hut bekommen?

Dunja Fuhrmann: Für viele Aktivitäten nehme ich Urlaub oder baue ich Überstunden ab. Häufig nutzen wir die Wochenenden für Projektarbeit oder Aktionen. Ansonsten ist mein Tag vollgepackt. Der Wecker klingelt um 4:45 Uhr, damit ich zwischen 6:30 Uhr und 7:00 Uhr mit der Arbeit beginnen kann. Um 20 Uhr bin ich dann vollkommen platt.

MOBITIPP: Viele Menschen mit Behinderung wollen sich gern engagieren. Sie haben aber Zweifel, ob sie dem gewachsen sind oder ob sie wirklich etwas Sinnvolles beitragen können. Haben Sie einen Tipp, wie man gesellschaftliches Engagement gut hinbekommen kann?

Dunja Fuhrmann am Stand des Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V., © privat

Dunja Fuhrmann: Einfach mal in einer Organisation oder bei einem Verein anfragen. Alles andere findet sich. Jedes Engagement ist willkommen und hilfreich. Selbst wer kaum mobil sein kann, könnte versuchen, an Demonstrationen oder Aktionstagen teilzunehmen und Gesicht zu zeigen. Zumindest am 5. Mai, dem traditionellen Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Der nächste findet übrigens am 5. Mai 2020 statt.

MOBITIPP: Sie und ich sind auf der Rehacare über den Klettersport miteinander ins Gespräch gekommen. Ist das Ihr Ausgleich zum Tagesgeschäft?

Dunja Fuhrmann: Ja, aber Sport ganz allgemein und das schon immer. Klettern kam erst vor ein paar Jahren dazu. Anfangs habe ich mir die Kinderwand vorgenommen. Ein Mitarbeiter ist mit mir mitgeklettert und hat mir geholfen, die Füße richtig hinzustellen.

Ich wollte das Ganze dann mal selbstständig versuchen und habe mein Bein an der Hose hochzogen und mir um die Fesseln gefasst, um einen sicheren Stand zu bekommen. Das hat erstaunlich gut geklappt. Ich habe überlegt, was ich tun könnte, dass ich mich nicht mehr bücken muss. Daraufhin habe ich zum Beispiel mit Kletterseilen experimentiert.

Die zündende Idee kam mir dann beim Einkauf für meine Katze: ein selbst entwickeltes Klettergeschirr aus Hundehalsbändern und Schlüsselbändern, das ich an meiner Kletterhose befestige.

MOBITIPP: Wie funktioniert das denn genau?

Dunja Fuhrmann: Die Gurte befestige ich an den Ober- und Unterschenkeln. Ich ziehe einfach an einem Seil und positioniere den Fuß auf einen geeigneten Tritt. Das funktioniert ganz prima und ich komme zügig voran. Inzwischen dauert es nur etwa zehn Minuten, bis ich alle Gurte befestigt habe.

MOBITIPP: Haben Sie das System patentieren lassen?

Dunja Fuhrmann: Nein, aber seitdem in einer Fernsehsendung darüber berichtet wurde, sprechen mich immer wieder Menschen darauf an. Oder sie schreiben mir, dass sie sich danach etwas Ähnliches ausgedacht haben und jetzt mit dem Klettern begonnen haben. Das ist wunderbar.

MOBITIPP: Klettern Sie auch im Freien?

Dunja Fuhrmann: Das habe ich auch schon gemacht. Das Klettern am Felsen ist nicht das Problem, aber das Hinkommen zum Felsen ist meistens mit einigem Aufwand verbunden. Die Natur ist ja nicht unbedingt barrierefrei. Viele Kletterhallen übrigens auch nicht. Fast nirgends gibt es eine Toilette für Rollstuhlfahrer. Ich setze ich mich auch dafür ein, dass zumindest die neuen Kletterhallen barrierefrei sind.

MOBITIPP: Was gefällt Ihnen am Klettersport?

Dunja Fuhrmann: Beim Klettern fühle ich mich frei und unabhängig. Der Klettersport ist außerdem ein tolles Ganzkörpertraining. Auch ein Stehtraining ist dabei, das weit über das Stehen an einem Pult hinausgeht. Man belastet die Beine ganz anders. Der Rücken profitiert enorm. Auch als mentales Training hat Klettern gute Effekte: Weil man sich sehr konzentrieren muss, wird man mit der Zeit ruhiger. Das ist sehr erholsam, mal aus dem Gedankenkarussell auszusteigen.

MOBITIPP: Unternehmen, Organisationen und Medien fragen häufig bei Ihnen an, wenn es um eine Botschafterin geht, die ein erfülltes Leben mit schwerer Behinderung lebt. Haben Sie so etwas wie eine Kernbotschaft?

Dunja Fuhrmann: Aus meiner Lebenserfahrung kann ich nur empfehlen, nicht lange zu zögern, wenn man etwas machen oder erreichen will. Wenn man sich entschlossen auf den Weg macht, entwickelt man zusätzliche Kraft und manchmal öffnen sich dann unerwartet neue Türen.

 

Dunja und ihr Kletterfreund Joachim 2017 als Botschafter der Aufklärungskampagne „Wir gemeinsam”, mit einer Sequenz im Video, bei der man Dunja in der Natur klettern sieht:

https://www.aktion-mensch.de/wirgemeinsam

(Text: Brigitte Muschiol)

Dunja Fuhrmann

© privat

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