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Dergin Tokmak: Der auf Stöcken tanzt Mutmacher

Unter dem Künstlernamen „StiX“ hat sich der Augsburger Tänzer und Choreograf mit seinem eigenwilligen Tanz auf Krücken international einen Namen gemacht.

Als Dergin Tokmak mit acht Monaten an Kinderlähmung erkrankt, verliert er die Kontrolle über sein linkes und teilweise auch über sein rechtes Bein. Der Sohn türkischer Eltern sucht nach kreativen Ausdrucksmöglichkeiten und findet sie im Breakdance. 2004 engagiert ihn der Cirque du Soleil viele Jahre für die Rolle als „Hinkender Engel“. Nach dem Engagement hat sich Dergin Tokmak wieder eigene künstlerische Wege gebahnt. In unserem Interview erzählt er was ihn bewegt, hier findet ihr stets aktuelle Infos: www.facebook.com/dergin.tokmak.

MOBITIPP: Herr Tokmak, wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, mit Ihren Krücken zu tanzen?

Dergin Tokmak: Meine ersten Krücken habe ich mit vier Jahren bekommen. Eigentlich habe ich schnell intuitiv damit begonnen, eine Art Tanz zu kreieren. Ich hatte schon immer eine Menge Energie und großen Bewegungsdrang. Bevor ich Krücken hatte, habe ich mich viel auf Händen vorwärts bewegt. Mit der Zeit konnte ich mehrere hundert Meter im Handstand gehen.

MOBITIPP: Welche Rolle spielt Ihr Cousin bei Ihrem Werdegang?

Dergin Tokmak: Mitte der 80er Jahre kam der Hip-Hop auch in meine Geburtsstadt Augsburg. Ich beobachtete meinen Cousin Fehzo, der auch mein bester Freund war, beim Trainieren im Hof und machte einfach mit. Fehzo unterstützte mich, wo immer es ging.

Ein paar Wochen später zeigte er mir einige Tanzvideos. Auf einem war ein paar Sekunden lang ein Tänzer mit Krücken zu sehen, den ich viele Jahre später bei einem Shooting für einen Dokumentarfilm der Reihe Lebenslinien des Bayerischen Fernsehens persönlich kennenlernte. Dieser Videoausschnitt hat mein Leben verändert. Ich war fasziniert und trainierte von da an immer härter. Das war es, was ich machen wollte.

MOBITIPP: Warum hat sie der Hip-Hop so angezogen?

Dergin Tokmak: Ein Element von Hip-Hop ist der Breakdance. Er verbindet Sport, Tanz und Kunst. Außerdem lässt er den Tänzern viel Freiheit, ihren eigenen Style zu entwickeln. Das war eine ganz neue Sprache, die aus dem Ghetto kam. Auch Menschen wie ich, die anders sind, können sich darin kreativ ausdrücken. Deshalb haben der Hip-Hop und speziell der Breakdance auch so großen Zulauf gefunden. Man kann einfach so dazugehören.

Mit dem Tanzen kamen auch Respekt und Anerkennung. Aus einem Nachteil wurde ein Vorteil.

MOBITIPP: Wann kam der Cirque du Soleil ins Spiel, ein Zirkus der anderen Art ohne Tiere?

(c) Frithjof Ohm

Dergin Tokmak: 2003 bekam ich einen Anruf vom Cirque du Soleil mit einem Rollenangebot in einer Show für eine weltweite Tour. Dazu muss man wissen, dass ich zuvor durch den Hip-Hop Anschluss an die Augsburger Underground-Musikszene gefunden habe und mich dort jahrelang unter dem Tänzernamen StiX, der englische Begriff für Stöcke, bewegt habe. Ich habe viele neue Tanzstile ausprobiert, Hype Dance oder Street Dance.

1992 habe ich mit fünf Freunden meine erste Hip-Hop-Tanzgruppe „Da F.U.N.K“ gegründet. Das ging gleich richtig gut los. Mit den Fantastischen Vier und Run-DMC waren wir als Support-Act auf Deutschlandtour. Danach folgten viele Fernsehauftritte in Deutschland, zum Beispiel bei „Deutschland sucht den Superstar“, und in der Schweiz.

MOBITIPP: Da hatten Sie ja künstlerisch richtig was im Kreuz, als die Kanadier anriefen!

Dergin Tokmak: So sind sie auch auf mich aufmerksam geworden. Der Cirque du Soleil suchte im August 2003 für seine Show „Varekai“ weltweit einen Artisten, Akrobaten und Tänzer auf Krücken in Personalunion für die Rolle des „Hinkenden Engel“. Nach einem Casting in Montreal und einem zehnwöchigen Intensivtraining ging es dann für viele Jahre auf Tour durch vier Kontinente. Den „Hinkenden Engel“, ein ziemlich düsterer Engel übrigens, habe ich rund 2.000 Mal getanzt.

MOBITIPP: Wie ist denn der wuselige Zirkusbetrieb mit einem mobilitätseingeschränkten Artisten zurechtgekommen?

Dergin Tokmak: Ich war damals der erste Artist mit Behinderung in der Geschichte des Cirque du Soleil. Und ich war beeindruckt, was sie alles getan haben, damit ich in der Umgebung zurechtkomme und mich wohlfühle. Sie haben alles rollstuhlgerecht gemacht und zum Beispiel Rampen über Kabel und Rohre gelegt. Selbst in der Küche haben sie Veränderungen vorgenommen, damit ich es leichter habe.

MOBITIPP: Ein Leben auf Reisen, in Hotels, viele Monate auf einem anderen Kontinent, weg von Familie und Freunden – das stelle ich mir auch anstrengend vor.

Dergin Tokmak: Das ist mit der Zeit auch anstrengend geworden. 2011 war dann endgültig der Zeitpunkt gekommen aufzuhören.

MOBITIPP: Was genau machen Sie jetzt?

Dergin Tokmak: Seit 2012 arbeite ich als freischaffender Künstler. Man kann mich für Galas, Events in Städten, Kommunen und Unternehmen buchen. Gerade komme ich aus England, wo ich im Team des spektakulären inklusiven Zirkus „Extraordinary Bodies“ als Tänzer, Artist und Choreograf arbeite. Extraordinary Bodies, übersetzt Außergewöhnliche Körper, ist ein hochprofessionelles Unternehmen mit Millionen-Pfund-Produktionen, die international gezeigt werden. Die Show, an der ich mitwirke, heißt „What Am I Worth?“ – „Was bin ich wert?“.

Solch einen professionellen inklusiven Zirkus mit tollen Shows und vielfältigen künstlerischen Talenten würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Bei uns wird vor allem der Para-Sport sehr gefördert und das ist auch gut so. Aber es wäre in meinen Augen auch wichtig, den Menschen eine Alternative zu den Sportprojekten zu bieten und zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt, sich auszudrücken, kreativ zu sein und gemeinsam in einem Team etwas zu erschaffen.

MOBITIPP: Was gibt Ihnen das neue Zirkusprojekt?

Dergin Tokmak: Ich liebe diese Arbeit, weil sie mir Gelegenheit gibt, vor allem der jungen Generation die Botschaft mitzugeben: Es gibt keine Grenzen, weil Du sie aus eigener Kraft und auf Deine Weise überwinden kannst. Wir hoffen jetzt, dass wir 2019/2020 mit unserer Show auf Tour durch Australien und die USA gehen können.

MOBITIPP: Dann drücken wir Ihnen die Daumen!

 

Mehr über Dergin Tokmak erfahrt Ihr auf seiner Webseite http://stixsteps.de

Aktuelle Infos über Dergin gibt’s auf seinen Facebookseiten: www.facebook.com/dergin.tokmak und https://www.facebook.com/DerginTokmak.stix/

„Wenn jemand etwas übers Fallen weiß, dann ich.“ Dergin Tokmak im Video, gesponsert von Toyota global.

(Text: Brigitte Muschiol)

Dergin Tokmak

©Andreas Brücklmair
Der auf Krücken tanzt

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