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Bracha Fischel: „Der Rollstuhl ist nicht das Ende, sondern ein Neuanfang“ Mutmacher

Die Künstlerin ist Stipendiatin der internationalen Vereinigung der mund- und fussmalenden Künstler (VDMFK).

Eigentlich sollte die schweizer-israelische Malerin Bracha Fischel im März ihre Ausstellung mit mehr als 60 ihrer Bilder bei der Frauenwoche in Cottbus eröffnen. Wegen Corona sitzt sie jetzt, Anfang August, aber noch immer in ihrem Wohnort Tibaria im Norden Israels fest. Dabei freut sich die 61-Jährige darauf, wieder in der Schweiz und in Europa auf Tour gehen und Menschen die Mund- und Fußmalerei nahebringen zu können.

MOBITIPP: Frau Fischel, wo erreichen wir Sie denn gerade telefonisch? Sie haben ja einen Schweizer und einen israelischen Pass.

Bracha Fischel: Ich bin vor rund 30 Jahren von der Schweiz nach Israel ausgewandert und lebe seit Langem in Tibaria im Norden Israels. Dort halte ich mich jetzt auf. Von meinem Haus, in dem sich auch mein Atelier befindet, blicke ich auf den See Genezareth. Ein tröstlicher Anblick, auch wenn ich es kaum abwarten kann, wieder in die Schweiz und Deutschland reisen zu können.

MOBITIPP: Was führt Sie immer wieder dorthin?

Bracha Fischel: Ich habe speziell in der Schweiz und in Deutschland noch viele Freunde und andere nette Kontakte. Wie auch in Israel halte ich Vorträge in Kitas, in Schulen, Firmen und Organisationen über mein Leben und meine Arbeit als Mundmalerin. Außerdem bekomme ich immer wieder Einladungen, meine Bilder auszustellen. Diese Reisen und persönlichen Begegnungen fehlen mir jetzt sehr.

MOBITIPP: Wie sind Sie zur Mundmalerei gekommen?

Bracha Fischel: In Jahr 2006 erkrankte ich an rheumatischer Arthritis. Dadurch wurde meine Wirbelsäule so stark geschädigt, dass ich meine Gliedmaßen nicht mehr bewegen kann und seitdem als Tetraplegikerin in einem Elektrorollstuhl sitze. Die Diagnose damals war ein unfassbarer Schock. Ich war 47 Jahre alt, Mutter von drei kleinen Kindern und dauernd in Bewegung. Auf einmal war ich im Alltag ständig auf Hilfe angewiesen.

Aus diesem Tiefpunkt meines Lebens haben mir mein Glaube und die viele Zuwendung geholfen, die ich von meiner Familie und von meinen Freunden erfahren habe, die bis heute anhält. All die Monate im Krankenhaus und bei der Rehabilitation durfte ich alles in die Hände meiner Familie und meiner Freunde legen.

Von meinen Therapeuten kam dann die Anregung, es doch mal mit der Mundmalerei zu versuchen. Sie wussten, dass ich früher hobbymäßig gemalt habe. Ich habe mich dafür geöffnet und bald festgestellt, dass mir diese Art der Malerei liegt und ich Lebensfreude daraus ziehen kann.

MOBITIPP: Was bedeutet die Malerei heute für Sie?

Reißender Bachlauf, © Privat, Familie Fischel

Bracha Fischel: Sie hat mir die Tür zu meiner persönlichen Weiterentwicklung geöffnet. Ich habe begriffen, dass ich nichts falsch gemacht habe. Es ist einfach passiert und ich werde weitermachen. Mir ist klar geworden, dass der Rollstuhl nicht das Ende ist, sondern ein Neuanfang. Im Rollstuhl gibt es keine Grenzen. Die Grenzen sind in unseren Köpfen. Deshalb können wir sie überwinden.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese Erkenntnis mit anderen Menschen zu teilen und ihnen Mut zu machen, nicht aufzugeben. Gerade für Menschen, die ihre Gliedmaßen nicht mehr oder nur teilweise bewegen können, kann die Mund- oder Fußmalerei neue Lebensperspektiven eröffnen. Das ist meine Botschaft.

MOBITIPP: Wie haben Sie die Technik der Mundmalerei erlernt?

Bracha Fischel: In der Reha habe ich gelernt, wie man den Zeichenstift und den Pinsel zwischen den Zähnen führen und mit der Zunge steuern kann. Auch die wesentlichen Grundtechniken habe ich in dieser Zeit erlernt. Später habe ich mir viel im intensiven Selbststudium angeeignet. Im Herbst 2007 habe ich einen Fernkurs an der Hamburger Akademie begonnen und ihn 2016 abgeschlossen. Aber natürlich lernt man nie aus.

MOBITIPP: Gibt es Maltechniken, die sie bevorzugen?

Bracha Fischel: Ich male meistens mit Acrylfarben. Sie trocknen schnell und wenn mal etwas daneben gegangen ist, kann ich die Farbe mit Wasser entfernen. Ölfarben zum Beispiel trocknen sehr langsam. Dafür habe ich keine Geduld.

MOBITIPP: Woher bekommen Sie die Anregungen für Ihre Motive?

Bracha Fischel: Mir liegen vor allem die Landschaften aus meiner Schweizer Heimat am Herzen. Ich lasse mich von Reisen, Bildern und Fotos inspirieren. Manchmal bekomme ich auch Bilder von Freunden oder aus den sozialen Netzwerken zugeschickt.

MOBITIPP: Wie beeinflussen das Coronavirus und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen aktuell Ihr Leben?

Bracha Fischel: Als Risikopatientin verzichte ich im Augenblick auf meine Assistentin, die mir sonst zur Hand geht. Praktische Hilfe leistet mir meine Labradorhündin namens Donna. Sie war ein Geschenk meiner Familie, zu dem viele Freunde finanziell beigetragen haben. Als Assistenzhündin ist Donna darauf trainiert, mir Gegenstände zu bringen und heruntergefallene Dinge vom Boden aufzuheben. Sie kann sogar unterscheiden, was davon sie mir auf den Schoß legen soll, wie zum Beispiel das Telefon oder was ich mit dem Mund aufnehmen will, wie zum Beispiel einen Malpinsel.

Donna kann auch den Kühlschrank öffnen und mir zum Beispiel etwas zum Trinken bringen. Wir sind ein gutes Team. Deshalb bin ich nicht darauf angewiesen, dass rund um die Uhr jemand für mich da ist.

Um etwas Sinnvolles aus den aktuellen Beschränkungen zu machen, habe ich mich als freiwillige Helferin für Menschen zur Verfügung gestellt, die sich in diesen Zeiten einsam fühlen. Gerade Menschen mit Holocaust-Erfahrung geraten durch die lange Einsamkeit zuhause immer wieder in Panik und Todesangst. Ich versuche dann, sie telefonisch zu beruhigen und ihnen Mut zuzusprechen.

 

 

Mehr über Bracha Fischel erfahrt Ihr auf ihrer Webseite www.fischel.me

Hier der Link zu ihrer Facebook-Seite https://www.facebook.com/bracha.fischel.

 

Weitere Informationen über die internationale Vereinigung der mund- und fussmalenden Künstler (VDMFK) gibt es im Internet unter www.vdmfk.com. Nach eigenen Angaben gehören ihr derzeit rund 780 Künstler aus 72 Ländern an.

(Text: Julia Nadler)

Bracha Fischel beim Malen mit Mund und Zunge

© Privat, Familie Fischel

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