MOBITIPP

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Bahn frei für alle Mobil mit Handicap

Interview mit Ellen Engel-Kuhn, Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten

Reisen per Bahn konnte besonders für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in früheren Jahren leicht zum Hindernisparcours werden, der buchstäblich in der Sackgasse endete. Daher sind viele von ihnen nach wie vor skeptisch, wenn es um dieses Verkehrsmittel geht. Doch gemeinsam mit Betroffenen arbeitet die Deutsche Bahn bereits seit 15 Jahren kontinuierlich an der Verbesserung der Barrierefreiheit. Wie und was es dabei an neuen technischen Entwicklungen gibt, haben wir Ellen Engel-Kuhn, die Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten bei der Deutschen Bahn, gefragt.

MOBITIPP: Frau Engel-Kuhn, was bedeutet es generell für die Deutsche Bahn, bessere Bedingungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu schaffen?

Ellen Engel-Kuhn: Für die Deutsche Bahn (DB) gewinnt die Herstellung von Barrierefreiheit zunehmend an Bedeutung. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen stellen eine wichtige Kundengruppe dar, insbesondere auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung. Ziel ist die konsequente Umsetzung von Maßnahmen der Barrierefreiheit sowohl bei Zügen und Bussen im Fern- und Nahverkehr als auch in Bahnhöfen und Reisezentren, die in sogenannten Programmen festgeschrieben werden.

Ausgehend von der UN-Behindertenrechtskonvention, EU-Richtlinien und einem nationalen Umsetzungsplan sowie dem Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes ist die DB mit dem inzwischen bereits dritten Programm eine Selbstverpflichtung des Konzerns über jeweils fünf Jahre eingegangen, inwiefern die DB Barrierefreiheit in Bezug auf Fahrzeuge und Infrastruktur gewährleistet. Wir sind stolz darauf, dass wir seit 15 Jahren Menschen mit Behinderungen als „Experten in eigener Sache“ dabei einbinden und auch auf den gemeinsam zurückgelegten Weg.

Der Dialog von Reisenden mit Behinderungen einerseits und den DB-Kollegen aus den unterschiedlichsten Geschäftsfeldern im Konzern andererseits ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Dadurch haben beide Seiten in den vergangenen Jahren viel voneinander gelernt, und es ist uns gelungen, ein Bewusstsein für Barrierefreiheit innerhalb des Konzerns zu schaffen. Sukzessive ist es selbstverständlicher geworden, Barrierefreiheit von Beginn an zu berücksichtigen, und das motiviert umso mehr, die nächsten Schritte gemeinsam anzugehen. In einem großen Konzern bedarf es einen beharrlichen Einsatz, ganz viel Empathie für die Sache und einen langen Atem, um die relevanten Themen zu bewegen. In der Tat war es ein nicht immer einfacher und oftmals langer Weg, jedoch umso schöner, dass wir inzwischen an einem Punkt sind, an dem wir auf gemeinsam Erreichtes und wichtige Meilensteile zurückblicken können.

MOBITIPP: Wie findet diese Zusammenarbeit mit Betroffenen statt?

Zuggebundene Einstiegshilfe für Rollstuhlfahrer am ICE 4 , (c) Hans-Dieter Budde, Deutsche Bahn AG

Ellen Engel-Kuhn: Erkenntnisse über die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gewinnen wir im regelmäßigen Austausch mit den Experten in eigener Sache, die stets sehr engagiert ihre Kompetenz einbringen. In einem offenen und fairen Dialog, der für uns sehr wertvoll ist, werden wichtige Detailfragen der anstehenden Umsetzungsmaßnahmen aus den Programmen der DB in den Bereichen Infrastruktur, Fahrzeuge, Information und Service vorgestellt und diskutiert.

Die stets offenen und intensiven Gespräche haben das gegenseitige Verständnis zu den Bedürfnissen der Zielgruppe und zu den Erfordernissen bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen und beim Infrastrukturbetreiber maßgeblich gefördert, die Behindertenvertreter haben uns viele wertvolle Impulse gegeben. Diese Initiative ist entstanden als wir das erste Programm zur Barrierefreiheit veröffentlicht haben. Die Mitglieder unserer Arbeitsgruppe wurden vom Deutschen Behindertenrat benannt.

MOBITIPP: Was wurde bisher erreicht?

Ellen Engel-Kuhn: In den letzten 15 Jahren konnten im Rahmen der Zukunftsarbeit zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leistungsangebot der DB wichtige Meilensteine gesetzt werden. Ein herausragendes Beispiel ist die Einführung des ICE 4 im vergangenen Jahr, der in Europa neue Standards beim barrierefreien Reisen setzt. Bei der Entwicklung des ICE 4 standen die Kundenbedürfnisse stets im Mittelpunkt. Die Behindertenvertreter waren von Beginn an eingebunden, haben die Anforderungen im Lastenheft mit definiert, ein Holzmodell des ICE 4 besichtigt, weitere Anregungen eingebracht und schließlich vor den ersten Erprobungsfahrten das letztendliche Produkt besichtigt und positiv bewertet.

Die Zusammenarbeit im Geschäftsfeld DB Fernverkehr war durch umfangreiche Fahrzeugbeschaffungs- und Modernisierungsprojekte geprägt. So kann beim Redesign des ICE 2, stellvertretend für viele Verbesserungen, die erstmalige Einführung eines taktilen Leitsystems über den gesamten Zug erwähnt werden. Mit der Berücksichtigung von mehreren Deckenmonitoren je Wagen konnte als Ergänzung der Kundeninformation per Lautsprecheransage das Zwei-Sinne-Prinzip umgesetzt werden. Es wurden richtungsweisende Beispiele geschaffen, die in weiterentwickelter Form in aktuelle und künftige Modernisierungsprogramme einfließen, aktuell in das Redesign des ICE 3.

Herausragend bei den Fahrzeugneubeschaffungen war, dass die ab Dezember 2013 in Betrieb genommenen 17 neuen ICE 3-Züge erstmalig über einen Hublift im Fahrzeug zur Überbrückung des Höhenunterschieds zwischen Bahnsteig und Fahrzeuginnenraum verfügen. Diese Züge wurden auch als erste Fernverkehrszüge vollständig nach der geltenden europäischen Norm TSI PRM zugelassen.

Neben dem fahrzeuggebundenen Hublift werden im ICE 4 erstmalig vier Rollstuhlplätze angeboten. Vom akustischen Türfindesignal über das taktile Leitsystem zur Orientierung im Einstiegsraum bis hin zur Sitzplatznummer wurde der Umsetzung des Zwei-Sinne-Prinzips hohe Aufmerksamkeit eingeräumt. Die monitorbasierte Fahrgastinformation gibt mit der Integration von Echtzeitdaten stets eine umfassende und aktuelle Kundeninformation, auch für Fahrgäste mit einer Einschränkung des Hörvermögens.

Bei DB Regio erfordert der Wettbewerb im Bestellermarkt Fahrzeugkonzepte nach den Anforderungen der Aufgabenträger. Daher sind über die TSI PRM hinausgehende Investitionen in Barrierefreiheit nur dann möglich, wenn diese in den Verkehrsausschreibungen gefordert werden. Mittlerweile sind rund 70 Prozent der Fahrzeugflotte barrierearm beziehungsweise barrierefrei mit fahrzeuggebundener Ein- und Ausstiegshilfe, rollstuhlgerechten Toiletten und digitalen Informationssystemen ausgestattet.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein war im September 2011 die Aufhebung des Streckenverzeichnisses, damit wurde die unentgeltliche Beförderung im ÖPNV erheblich erweitert. Seither können schwerbehinderte Menschen mit dem grün-orangen Schwerbehindertenausweis und dem Beiblatt mit gültiger Wertmarke ohne zusätzliche Fahrkarte alle Nahverkehrszüge der DB bundesweit nutzen.

Ende 2012 wurde auch der Vormeldeservice für die Unterstützung beim Ein- und Ausstieg in Nahverkehrszüge durch das Zugpersonal eingeführt. Bis heute steigt die Nachfrage stetig, 2017 konnten fast 80.000 Vormeldungen verzeichnet werden. Damit schafft DB Regio bei den Kunden mehr Vertrauen und gibt diesen mehr Sicherheit vor und während der Reise.

Auch im Geschäftsfeld DB Station&Service zählt die Verbesserung der Barrierefreiheit zu den wichtigsten Aufgaben. So sind inzwischen 77 Prozent der rund 5.400 Bahnhöfe mittels Aufzug, langer Rampe oder stufenfreier Zugänge erschlossen. 98 Prozent sind mit Zugzielanzeigern oder dynamischen Schriftanzeigern ausgestattet, 99 Prozent mit Lautsprecheranlagen oder dynamischen Schriftanzeigern mit Akustikmodul. 50 Prozent verfügen über ein taktiles Leitsystem auf dem Bahnsteig und 89 Prozent über Markierungen der Treppenstufen. Servicemitarbeiter unterstützen in mehr als 300 Bahnhöfen mobilitätseingeschränkte Reisende beim Ein-, Um- und Ausstieg. So wurden 2017 rund 760.000 Hilfeleistungen durchgeführt.

MOBITIPP: Was dürfen sich Menschen mit Mobilitätseinschränkungen vom Zukunftsinvestitionsprogramm „Barrierefreiheit“ erwarten?

Ellen Engel-Kuhn: Ziel der DB ist es, auch weiterhin die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen bei ihrer strategischen Ausrichtung, der Produktentwicklung und Serviceimplementierung mit in den Gesamtfokus zu stellen. Maßgeblich hierfür ist der Dialog mit den benannten Vertretern der Behindertendachverbände, der auch künftig weiter fortgeführt werden wird.

MOBITIPP: Was ist das neueste Projekt?

Ellen Engel-Kuhn: Mit ‚DB Barrierefrei‘ hat die DB eine App entwickelt, die sich an den Bedürfnissen von Reisenden mit Behinderungen orientiert, für diese das Reisen komfortabler macht und ihnen eine selbstbestimmte Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht. Was für Reisende mit kognitiven, körperlichen oder Sinneseinschränkungen zwingend erforderlich ist, bietet im Sinne des Konzepts „Design für Alle“ auch allen anderen Reisenden einen Mehrwert. Die App ‚DB Barrierefrei‘ vermittelt dem Kunden alle relevanten Informationen entlang seiner Reisekette in einer für ihn verständlichen Form, die er im Zwei-Sinne-Prinzip akustisch und visuell sowie in einfacher Sprache abrufen kann.

Im Zuge eines agilen Produktentwicklungsprozesses waren Kunden von Beginn an in allen Phasen – von der Idee über den Prototypen bis hin zur Beta-Version – eingebunden. Rund 800 freiwillige Probanden haben die App intensiv über mehrere Monate hindurch getestet, das heißt, Betroffene stehen im Mittelpunkt der zu treffenden Entscheidungen und haben die App so mitgestaltet. Mit diesem Lösungsansatz eröffnen sich vollkommen neue und innovative Möglichkeiten einer reisebegleitenden Unterstützung aller Reisenden.

Die App ‚DB Barrierefrei‘ leistet einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung eines ganzheitlichen, barrierefreien und inklusiven Konzeptes entlang der gesamten Reisekette. In den nächsten Jahren soll die App mit weiteren Funktionen angereichert werden, und dies auch immer wieder unter Beteiligung der Zielgruppe.

MOBITIPP: Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau Engel-Kuhn.

 

 

So unterstützt die Bahn Reisende mit Mobilitätseinschränkung

Sie finden:

  • alles zur Reisebuchung unter www.bahn.de
  • alles zur Ausstattung von Bahnhöfen sowie Aufzugverfügbarkeit unter bahnhof.de

persönliche Unterstützung durch die DB Mobilitätsservice-Zentrale unter Tel.: 0180.6512512 (20 ct/Anruf aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 60 ct/Anruf), Fax: 0180.5159357 (14 ct/Min. aus dem Festnetz, Tarife bei Mobilfunk ggf. abweichend, max. 42 ct/Min), E-Mail: msz@deutschebahn.com, Live-Chat: www.bahn.de/msz-chat sowie das Formular ‚Mobilitätsservice buchen‘ unter www.bahn.de/p/view/service/barrierefrei/mobilitaetsservice.shtml

(Text: Isolde Eich)

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(c) Deutsche Bahn
Ellen Engel, Leiterin fuer kundenbezogene Behindertenangelegeneiten der Deutschen Bahn AG

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